Vor Scham den Kopf in den Sand gesteckt.

Was Stress mit Scham zu tun hat

In unserer stark leistungsbetonten Gesellschaft scheint es total in zu sein, gestresst zu sein. Immer beschäftigt zu sein, gibt uns ein Gefühl, dass wir wichtig sind und bestätigt unsere Überzeugung, dass es ohne uns einfach nicht geht. Zudem fühlen wir uns dann besonders leistungsfähig, was uns auch ein gutes Gefühl gibt.

Sehr häufig treffen wir auf Angebote, die uns helfen sollen, in nur ganz wenigen Schritten, den Stress aus unserem Leben zu verbannen. Wir finden zahlreiche Seminare, Blogartikel und Selbsthilfebücher, die uns genau erklären, wie wir endlich ruhig und entspannt werden.

Das heißt, es ist sowohl trendy, total gestresst zu sein, als auch, sich um die eigene Stressreduzierung zu kümmern.

Genauer betrachtet, bedeutet dies, dass der Selbstoptimierungsdrang voll zugeschlagen hat. Dieser zeigt sich einerseits in dem grenzenlos erscheinenden Leistungsdrang und andererseits darin, auch unsere Entspannungsfähigkeit zu trainieren und zu verbessern.

Doch was ist die Ursache dieses starken Dranges? Eine unbewusste Scham, wie Laurence Heller und Angelika Doerne in ihrem Buch “Befreiung von Scham und Schuld: Alte Überlebensstrategien auflösen und Lebenskraft gewinnen. Das Neuroaffektive Beziehungsmodell – NARM™” sehr detailliert aufgezeigt haben. Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

Warum Anti-Stress Tipps nicht helfen

  • „Ich bin nicht gut genug!“
  • „Ich habe es nicht geschafft!“
  • „Ich kann das nicht!“

Dies sind typische Gedanken, die dieser Scham ihren Ausdruck verleihen. Die meisten Anregungen, die wir erhalten, um unseren Stress zu reduzieren, helfen uns nicht wirklich weiter, da sie nicht an der Wurzel ansetzen: an der Scham. So kratzen die Empfehlungen nur an der Oberfläche und führen bestenfalls zu kurzfristigen Verbesserungen unseres chronischen Stresszustandes.

Selbst wenn wir endlich unseren Perfektionismus angehen und darauf achten, regelmäßige Pausen in unserem Alltag einzulegen, ändert dies nichts daran, dass wir uns immer weiter erschöpfen und möglicherweise auch in einem Burnout landen, solange wir uns nicht bemühen, mit unserer Scham zu arbeiten.

Die ganzen Tipps, die wir zur Bewältigung unseres Stresses erhalten, können sogar den gegenteiligen Effekt haben. In uns kann leicht das Gefühl entstehen, versagt zu haben, da diese Tipps bei uns ins Leere laufen. Habe ich mich vielleicht nicht genug angestrengt? Oder bin ich gar nicht fähig dazu, dies umzusetzen? Dies sind Fragen, die uns dann beschäftigen und uns unter Druck setzen.

Somit fühlen wir uns noch gestresster als vorher und machen uns auf die Suche nach neuen Empfehlungen. Dadurch entsteht ein Teufelskreis, der schwer zu stoppen ist. Denn in der Folge schämen wir uns noch mehr, was die Suche nach dem heiligen Gral weiter verstärkt. Doch auch mit dem nächsten nicht erfolgreichen Programm verstärken wir unseren Stress weiter. Somit inszenieren wir unbewusst unseren Stress selbst.

Schambasierte Überlebensstrategien

Unsere unbewusste Scham lässt uns diverse Überlebensstrategien entwickeln:

  • hohe Leistungsbereitschaft
  • möglichst oft Macht und Kontrolle behalten
  • Erwartungen anderer Menschen erfüllen
  • eigene Interessen durchsetzen
  • sich permanent für die Bedürfnisse von anderen zuständig fühlen

Auch wenn uns diese Strategien dabei helfen, emotional zu überleben, so zahlen wir dafür dennoch einen hohen Preis: chronischer Stress und ein aus den Fugen geratenes Nervensystem.

Balance zwischen Aktivität und Entspannung

Idealerweise sind Aktivität und Entspannung in unserem Leben möglichst ausbalanciert. Beide Pole brauchen wir. Aktivität ist erforderlich, wenn wir unserer Arbeit nachgehen oder aber auch, wenn wir schwierige Situationen meistern müssen.

Entspannung hingegen ist hilfreich zur Regeneration unseres Organismus und damit die Voraussetzung, um überhaupt aktiv werden zu können. Beides zusammen sind zwei Seiten einer Medaille.

Bei der Aktivität ist das sympathische autonome Nervensystem aktiv. Das merken wir daran, dass unser Puls erhöht ist und dass unser Atem flacher und schneller geht. Die sympathische Aktivierung geht auch mit einer erhöhten Wachsamkeit, einer fokussierten Aufmerksamkeit und der Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol einher.

Muskelspannung und Blutdruck erhöhen sich und der Herzschlag wird schneller. Verdauungsprozesse werden angehalten, während die Wahrnehmung von Bedürfnissen und Gefühlen stark vermindert ist.

Das autonome Nervensystem
Sympathikus und Parasympathikus des autonomen Nervensystems

Bei der Entspannung hingegen wird der Parasympathikus des autonomen Nervensystems aktiviert. Wir können dabei genau den entgegengesetzten Zustand wie eben beschrieben wahrnehmen.

Muskeln und Bindegewebe entspannen sich, der Herzschlag verlangsamt sich, so dass es zu einem gesenkten Blutdruck kommt. Während sich die Gefäße weiten, kommt es zu einer verlangsamten tiefen Atmung. Verdauungsprozesse werden wieder aktiviert.

Stresshormone werden abgebaut und das sog. „Glücks-Hormon“ Serotonin ausgeschüttet. Das antibakteriell und antiviral wirkende Stickstoffmonoxid führt zur Stärkung der Selbstheilungskräfte und des Immunsystems.

Dieser Zustand führt zu einem inneren Loslassen und innerer Ruhe sowie einer verbesserten Selbstwahrnehmung. Sicherheit, Geborgenheit und Verbundensein können nun besser wahrgenommen werden.

Beide Funktionen des autonomen Nervensystems können nicht von unserem Willen gesteuert werden. Optimalerweise sind beide miteinander gut ausbalanciert.

Auf unseren Alltag bezogen, heißt das, dass der Sympathikus aktiv ist, wenn wir morgens unseren Tag beginnen und zur Arbeit gehen. In der Mittagspause sorgt der Parasympathikus für unsere Entspannung. Am Nachmittag auf der Arbeit brauchen wir wieder den Sympathikus. Am Abend hilft uns der Parasympathikus zur Ruhe zu kommen und unseren entspannten Abend zu genießen.

Dieser Rhythmus von Aktivität und Entspannung lässt sich auch in vielem anderen finden: im Atemrhythmus, im Tag-und-Nacht-Rhythmus oder auch in den Jahreszeiten.

Aus dem Gleichgewicht

Schambasierte Identifikationen wie das Gefühl, nicht gut genug zu sein, sorgen dafür, dass wir überaktiv sind. Damit wird der Sympathikus immer mehr angeregt. Dies wirft uns aus der Balance von Aktivität und Entspannung und führt zu permanentem Stress, der sich chronifiziert, wenn der Sympathikus ständig so hoch aktiviert ist.

Dies kann auch zu einer ständig erhöhten Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit führen. Eigene Bedürfnisse und Gefühle können in diesem Zustand nicht mehr wahrgenommen werden. Innere Unruhe und Ängstlichkeit nehmen zu. Grübeleien, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen werden zu ständigen Begleitern.

Wir stehen dann unter permanenten inneren Druck. Wir geben innerlich Vollgas. Der Parasympathikus hat keine Chance mehr seine Funktion zu erfüllen. Der Rhythmus von Sympathikus und Parasympathikus ist durchbrochen.

Hält dieser Zustand über sehr lange Zeit an, kann dieser sogar zu Schädigungen im Gehirn und weiteren organischen Beeinträchtigungen führen.

Das heißt, es ist nun höchste Zeit, uns mit unseren schambasierten Identifikationen zu beschäftigen und für mehr Entspannung in unserem Leben zu sorgen, wenn wir nicht wollen, dass unser Organismus vollkommen zusammenbricht.

Andernfalls stoppt uns der Parasympathikus, indem er die im natürlichen Rhythmus vorkommende Entspannungs-Reaktion in eine Erschöpfungsreaktion verwandelt. Wir verlieren dann unsere Kraft und uns fehlt jegliche Energie.

In diesem Zustand wird der Sympathikus unterdrückt, während er aber seine geballte Ladung beibehält. Unter der Erschöpfung bleibt die innere Unruhe somit spürbar. Durch diese Patt-Situation von Sympathikus und Parasympathikus sind Stress und Erschöpfung quasi gleichzeitig vorhanden.

Das ist dann so, als würden wir das Gas- und das Bremspedal gleichzeitig durchtreten. Dieses Bild macht deutlich, dass sich Sympathikus und Parasympathikus gegenseitig blockieren und somit sowohl Aktivität als auch Entspannung behindern.

Scham als Ursache von chronischem Stress

Ich denke, es ist klar geworden, warum es aufgrund dieses aus dem Rhythmus geratenen autonomen Nervensystems nicht möglich ist, chronischen Stress und permanente Erschöpfung mit ein paar Tipps und Tricks zu vermindern. Dennoch versuchen wir oft krampfhaft über positives Denken oder Meditationen uns in einen Entspannungszustand zu „zwingen“, was natürlich nicht funktioniert.

Denn unser Gehirn und unsere Psyche können nicht allein mit einem starken Willen und Disziplin verändert werden. Vielmehr ist es wichtig, dass wir uns mit großer Neugier und Offenheit der Erkundung unserer schambasierten Identifikationen widmen.

Wenn Du Dir dabei Unterstützung wünschst, buche Dir hier Dein gratis Kennenlern-Gespräch mit mir.

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