Darf ich vorstellen? Das Team des inneren Kritikers

Ich höre Dich schon entsetzt aufschreien: Waaaaaasss? Ich muss mich nicht nur mit meinem inneren Kritiker auseinandersetzen, sondern von diesem Quälgeist gibt es auch noch mehrere??? Da möchte ich Dich gleich mal beruhigen. Da sind sie sowieso und wenn Du sie nicht wie bisher ignorierst, wirst Du auf jeden Fall schon mal besser mit ihnen auskommen. Dies ist doch eine gute Aussicht, oder?

Doch nun möchte ich Dir mal das fleißig arbeitende Team des inneren Kritikers vorstellen, damit du weißt mit wem Du es nun wirklich zu tun hast. Denn mal ganz ehrlich: Dieses Team, das so gut Hand in Hand arbeitet, ist nicht ganz unschuldig daran, wenn wir im Burnout landen. Auch, wenn sie uns manchmal beschützen und uns weiterhelfen – wenn auch oft auf etwas verquere Weise -, so sind sie auch oft nervig und anstrengend, wissen immer alles besser und treiben uns in den Wahnsinn. Sie treiben uns so an, dass wir nicht mehr auf unsere Bedürfnisse achten und ständig über unsere Grenzen gehen – so lange, bis wir einfach nicht mehr können und total ausbrennen.

Auch Psychotherapeut*innen sind nicht davor gefeit, ein ganzes Sammelsurium solcher inneren Kritiker in sich zu versammeln. Jeder dieser inneren Kritiker besitzt eine andere Motivation und benutzt eine jeweils andere Strategie, um auf uns Einfluss zu nehmen. Damit wir unsere Klient*innen gut begleiten können, ist es wichtig, gut über diese inneren Plagegeister Bescheid zu wissen und mit ihnen auszukommen. Dann können sie sogar sehr fruchtbar in unserer therapeutischen Arbeit sein.

Jochen Peichl beschreibt in seinem Buch „Rote Karte für den inneren Kritiker“ die einzelnen Mitglieder des Teams des inneren Kritikers folgendermaßen:

Der Kontrolleur

Diesem Anteil geht es um die totale Macht und Kontrolle – wie sein Name schon sagt. Das Einhalten von Regeln und Vorschriften ist sein Metier. Er liebt es, sich mit einer Aura von Stärke zu umgeben. Bloß keine Schwäche zeigen! Damit möchte er uns zu selbständigen und autonomen Menschen erziehen. Und gleichzeitig schützt er uns vor Zweifeln und Scham. Den anderen muss klargemacht werden, wer hier die Hosen anhat. Er lebt nach dem Motto: „Ich bin stark und unangreifbar.“ Es versteht sich von selbst, dass dieser Kontroletti keinen Zugang zu seinen weichen und verletzlichen Seiten hat, denn schließlich geht es ihm darum, sich ständig selbst zu kontrollieren. Aber auch andere versucht er unter Druck zu setzen und sie zu kontrollieren, da sein Leben nur aus Kampf, Kontrolle und Überlegenheit besteht. Häufig entsteht daraus ein Teufelskreis, wenn andere mit Gegendruck und Misstrauen reagieren, worauf er gerne mit noch stärkeren Kontrollversuchen reagiert.

Der Perfektionist

Dieser perfektionistische Anteil ist davon überzeugt, dass er nur dann geliebt wird, wenn er möglichst perfekt ist und keine Fehler macht. So gibt er alles, um möglichst perfekt zu sein. So schützt er uns manchmal davor, Fehler zu machen und uns Schuldgefühlen auszusetzen. So versucht er, die Risiken im Leben zu minimieren.

Leider vermittelt der Perfektionist dem Gegenüber, ganz und gar nicht perfekt zu sein, so dass dieser sich ungenügend fühlt und sich möglicherweise zurückzieht. Anstatt die gewünschte Liebe und Anerkennung zu bekommen, führt sein Perfektionismus also genau zum Gegenteil: zu Einsamkeit und Isolation.

Der Antreiber

Dieser Hektiker ist ständig in Eile und erledigt viele Dinge gleichzeitig. Er wird davon angetrieben, auf keinen Fall etwas verpassen zu wollen. Da er ständig beschäftigt ist, hat er keine Zeit, sich mit seinem Minderwertigkeitsgefühl auseinanderzusetzen – um dessen Vermeidung es hierbei auch geht.

Der Allen-Rechtmacher

Er hält seine Meinung zurück, um anderen zu gefallen. Überhaupt ist es ihm wichtig, von allen gemocht zu werden, weshalb er Wünschen und Bitten anderer Menschen mit Begeisterung nachkommt. Doch so richtig bekommt er nicht die Anerkennung, die er sich wünscht. Da er sich so stark anpasst, bleibt seine Persönlichkeit für andere schwammig und sie halten Abstand. Er bietet für andere kein ernstzunehmendes Gegenüber.  

Der Be- und Verurteiler

Als Moralist beobachtet er unser Handeln ganz genau und treibt uns dazu an, immer besser zu werden. Seine Strategie ist es, uns mit anderen zu vergleichen, um uns zu Höchstleistungen anzuspornen. Gleichzeitig vermittelt er uns, nie gut genug zu sein. So fühlen wir uns häufig durch ihn schon so entmutigt, dass wir gar nicht erst anfangen etwas umzusetzen, was wir uns schon so lange vorgenommen hatten. Seine Kritik an uns ist unbarmherzig, denn er hält uns für wertlos. Durch seine Entwertungen versucht er uns auf eine verdrehte Art und Weise vor der Kritik durch andere zu schützen.

Dein Team-Meeting mit Deinen inneren Kritikern

Ich weiß… Das sind nicht gerade die allernettesten Zeitgenossen, mit denen wir es da zu tun haben. Und ich verstehe es auch, wenn Du sagst, dass es Dich einige Überwindung kosten wird, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Das ging mir ganz genauso. Aber ich muss gestehen, dass es sich absolut gelohnt hat, hinter die Fassade zu gucken und meinen diversen inneren Kritikern zuzuhören. Und deswegen möchte ich Dir empfehlen, das auch einmal auszuprobieren. Ich finde, Du hast nichts zu verlieren…

Wie könnte dies nun aussehen?

Höre Deinen inneren Saboteuren mal genau zu, was sie so von sich geben. Ja, ich weiß, da wird nicht unbedingt Schmeichelhaftes zu hören sein… Eher so etwas wie:

  • Nun streng Dich doch endlich mal mehr an, Du Weichei!
  • Du bist und bleibst ein Looser!
  • Dass Du Dich auch immer so unterbuttern lassen musst!
  • Dir gelingt aber auch gar nichts!
  • Das hätte ich Dir auch gleich sagen können, dass Du das nicht hinbekommst!

Das sind wahrscheinlich noch die nettesten Sätze… Warum solltest Du Dir diese eigentlich anhören? Weil es als erster Schritt wichtig ist, Deine inneren Kritiker kennenzulernen. Was wir dann mit diesem Wissen machen, erzähle ich Dir im nächsten Blogartikel.

Vielleicht hast Du Dich im Laufe dieses Artikels darüber gewundert, dass ich von inneren Anteilen spreche. Möglicherweise hast Du dir gedacht, ich habe einen an der Waffel… 😊 Fakt ist, dass wir alle solche inneren Stimmen kennen. Es ist viel einfacher, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn wir uns vorstellen, dass sie von einer anderen Person kommen, und zwar von einer Person, die zu unserer inneren Welt gehört.

Natürlich haben wir nicht wirklich einen inneren Mann oder eine innere Frau bzw. innere Kinder in uns, aber dieses psychotherapeutische Konzept von verschiedenen Selbstanteilen in uns, die verschiedene Rollen haben können, kann uns helfen, einen Umgang mit diesen Stimmen zu finden.

In meinem nächsten Blogartikel werde ich tiefer in dieses Thema einsteigen, da die Konfrontation mit unseren inneren Kritikern für viele Burnout-Gefährdete und Burnout-Betroffene ein wichtiges Thema ist.

Wenn Du mir von Deinen Erfahrungen mit Deinen inneren Saboteuren berichten magst, kannst Du das gerne per E-Mail an kontakt@marion-kellner.net oder in den Kommentaren unter diesem Blogartikel tun. Ich freue mich darauf.

Ein Gedanke zu „Darf ich vorstellen? Das Team des inneren Kritikers“

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