Ein glückliches Paar. Liebesaffäre mit dem inneren Kritiker

Wie Du eine Liebesaffäre mit Deinem inneren Kritiker beginnst

Dies kann der Beginn einer wundervollen Freundschaft mit Deinem inneren Kritiker sein…. Die meisten Menschen sind ganz erstaunt zu hören, dass auch Psychotherapeut*innen einen sehr lautstarken inneren Kritiker haben können. Das erwarten die meisten nicht, da gerade diese Berufsgruppe doch vor solchen „Missständen“ gefeit sein sollte. Doch weit gefehlt. Auch Psychotherapeut*innen sind nur Menschen… 

So arbeitet der innere Kritiker gegen Dich

So glauben viele selbst nach jahrelanger therapeutischer Arbeit, keine gute Therapeut*in zu sein. Oder sie fühlen sich dafür verantwortlich, wenn es ihren Klient*innen nicht besser geht. Nicht selten landen sie dann in einem Burnout, da sie sich zu sehr verausgabt haben. Besonders Frauen leiden unter einen zeternden inneren Kritiker, der sich Gehör zu verschaffen sucht:

  • Du bist nicht gut genug!
  • Die Therapie geht überhaupt nicht voran!
  • Glaubst Du wirklich, Du kannst Deinem Klienten helfen?

Wertschätzung für ihre Arbeit hingegen kann schlecht angenommen werden, da sie dem oft negativen Selbstbild nicht entspricht. Vielmehr werden gute Leistungen als selbstverständlich bewertet und nicht als etwas, das selbst erreicht wurde.

So spornt der innere Kritiker uns an

Doch der innere Kritiker sorgt nicht nur für einen gewissen Leidensdruck. Er spornt uns auch zu Höchstleistungen an: Wir bemühen uns nach allen Kräften, unseren Klient*innen zu helfen. Wir machen die bereits x-te Fortbildung, um noch mehr dazu zu lernen und immer besser zu werden. Vielleicht schreiben wir auch ein Buch oder promovieren in unserem Herzensthema. Doch der innere Kritiker ist nie zufrieden und schimpft uns weiterhin aus. Und wir fahren fort, die Bestätigung im Außen zu suchen.

Häufig ist dieses Thema so schambesetzt, da auch Psychotherapeut*innen selbst denken, sie müssten es eigentlich besser wissen… So thematisieren die wenigsten dieses Thema mit ihren Kolleg*innen, geschweige denn, dass sie sich Hilfe holen. Dabei kann es richtig spannend sein, den inneren Kritiker kennenzulernen und mit ihm eine aufregende Liebesaffäre zu beginnen.

Der Beginn einer wundervollen Freundschaft mit Deinem inneren Kritiker

  1. Schritt: Erkenne an, was ist!

Wie mit allen Problemen, die man zu lösen hat, ist es hier auch: Akzeptiere, dass du ein übermäßig negatives Selbstbild hast und Du von Deinem inneren Kritiker permanent ausgeschimpft wirst. Dabei ist es sehr wichtig, dass du ganz liebevoll mit Dir umgehst: Ja, auch als Psychotherapeut*in darfst Du dieses Problem haben… Nur wenn wir anerkennen, dass wir an diesem Punkt Schwierigkeiten haben, können wir etwas dagegen tun.

2. Schritt: Erforsche die Botschaften deines inneren Kritikers

Höre Deinem inneren Kritiker zu! Was sagt er genau zu Dir? Spüre in Dich hinein und versuche herauszufinden, was Dein innerer Kritiker Dir (wirklich) sagen möchte.

Am besten gehst Du mit ihm in einen Dialog. Das kannst Du ganz praktisch machen. Stelle einfach zwei Stühle gegenüber und überlege Dir, auf welchem der innere Kritiker sitzt und auf welchem Du. Sage ihm, dass Du ihn gerne besser kennenlernen möchtest und frage ihn, was er Dir sagen möchte. Dann wechselst Du auf seinen Stuhl, fühlst Dich in ihn hinein und antwortest. Danach wechselst Du wieder zurück auf Deinen Stuhl und lässt das Gesagte auf Dich wirken. Gehe so mit ihm in einen Dialog und frage ihn auch danach, was er Dir mit diesem Verhalten Gutes tun möchte. Am besten schreibst Du anschließend alles Wichtige auf, damit Du damit weiterarbeiten kannst.

Viele therapeutische Konzepte gehen davon aus, dass wir verschiedene innere Anteile haben, von denen der innere Kritiker einer ist. So schwer nachvollziehbar es auch erscheinen mag, haben diese Anteile eine Art Schutzfunktion, die sie vielleicht nicht unbedingt auf die charmanteste Art und Weise zum Ausdruck bringen. Und schon gar nicht auf die direkteste Art…

Das Vorhandensein eines starken inneren Kritikers weist in der Regel darauf hin, dass es noch unverarbeitete Verletzungen aus der Kindheit gibt. Vielleicht hast Du gedacht, dieses Thema sei schon bearbeitet und nun taucht es in dieser Form wieder auf. Um wirkliche Heilung zu erfahren, lohnt es sich, sich näher mit dem inneren Kritiker zu beschäftigen.

Eine schreiende Frau. Möchte sich nicht mit dem inneren Kritiker auseinandersetzen.



3. Schritt: Wertschätze Deinen inneren Kritiker

Nun höre ich Deinen empörten Aufschrei bis hierher!

„Waasss??? Dieser Kerl quält mich die ganze Zeit und ich soll ihn dafür auch noch wertschätzen? Kommt gar nicht in Frage!!!“

Ja ich weiß. Du möchtest ihn am liebsten so schnell wie möglich loswerden, diesen Quälgeist.  Aber: Wenn du weiterhin gegen ihn ankämpfst oder ihn ignorierst, wird er Dir auch weiter das Leben schwermachen. Also schließe lieber Frieden mit ihm. Auf lange Sicht habt Ihr beide etwas davon.

Der innere Kritiker ist in Deiner Kindheit entstanden als eine Art Lösungsversuch, um mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen. Er hat Dir geholfen, diese Schwierigkeiten zu überstehen. Dafür gebührt ihm Deine Wertschätzung. Heutzutage mag sein Verhalten nicht mehr hilfreich und zielführend sein. Damals war es das schon.

Vielleicht hat er Dir immer wieder gesagt, dass Du nicht genug bist, damit Du Dich mehr anstrengst, gute Noten zu bekommen und die Liebe und Anerkennung von Deinen Eltern zu erhalten, die Du auf anderen Wegen nicht bekommen hast. Oder er hat er eingeredet, dass Du immer besser alles allein machen sollst, da auf andere sowieso kein Verlass ist. Eventuell wollte er auch nur, dass Dich die Angst oder Trauer nicht überwältigt und hat deswegen die Mauer ganz hochgezogen. Was immer es auch war: Sage ihm Danke dafür.

4. Schritt: Beginne eine Liebesaffäre mit Deinem inneren Kritiker

Nun seid Ihr Euch inzwischen schon ein ganzes Stück näher gekommen… Vielleicht möchtest Du nun noch einen Schritt weitergehen? Möglicherweise gefällt Dir der innere Kritiker auch richtig gut? Ich bin sicher, dass er sich schon ein wenig verwandelt hat, nachdem Du ihn gesehen und ihm Wertschätzung entgegengebracht hast. Denn dann hat er erreicht, was er wollte und muss nun nicht mehr so sehr auf den Putz hauen. Ist er sogar zwischenzeitlich charmant geworden?

Vielleicht lädst Du ihn mal zu einer Tasse Kaffee, wo Ihr euch näherkommen könnt. Was gefällt Dir an ihm? Was möchtest Du noch mehr von ihm erfahren? Und was möchtest Du ihm von Dir erzählen? Vielleicht entstehen dadurch immer häufigere Treffen, die prickelnde Schmetterlinge im Bauch entstehen lassen? Möglicherweise wachst Ihr zu einem Dream Team zusammen?

Wenn Du magst, berichte mir gern von Deinen Erfahrungen mit dem inneren Kritiker per E-Mail an kontakt@marion-kellner.net oder als Kommentar unter diesem Blogartikel. Ich bin gespannt, davon zu hören.

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