Ein Fehler, den (fast) alle beim NEIN sagen machen

Ein Fehler, den (fast) alle beim NEIN sagen machen

Stell Dir mal folgende Situation vor:

Eine Kollegin fragt Dich, ob Du ihr am Wochenende die neue Software erklären kannst, da sie verschiedene Dinge noch nicht verstanden hat. Du magst die Kollegin eigentlich und bist auch ein hilfsbereiter Mensch. Deswegen zögerst Du auch einen Moment mit Deiner Antwort. Da dies aber Dein erstes freies Wochenende seit langem ist, hattest Du Dir bereits fest vorgenommen, nur schöne, entspannende Sachen zu machen. Am Samstag bist Du bereits mit einer Freundin zum Brunchen verabredet und am Sonntag mit einem Freund zum Kino. Außerdem freust Du Dich schon so lange darauf das neu gekaufte Buch zu lesen. Du überlegst, ob Du nicht trotzdem Deiner Kollegin zusagen sollst… Doch dann entscheidest Du Dich für ein NEIN. Die Kollegin macht ein trauriges Gesicht. Sofort kommt das schlechte Gewissen in Dir hochgekrochen… Solltest Du vielleicht doch JA sagen?

Es fällt uns schwer genug, NEIN zu sagen. Oft müssen wir uns dazu überwinden und manchmal tun wir es auch nicht, weil es uns zu anstrengend erscheint oder wir Angst haben, dass sich daraus ein Konflikt entwickelt. Das wollen wir auch nicht. Also sagen wir doch zähneknirschend JA. 

Was ist nun dieser Fehler?

Der Fehler, den (fast) alle machen, wenn sie NEIN sagen, liegt darin, dass wir erwarten, dass das Gegenüber uns versteht und uns die Absolution erteilt. Wenn wir uns nun schon überwunden haben, ein NEIN zu formulieren, dann wollen wir nicht auch noch ein schlechtes Gewissen haben, weil es dem Gegenüber nicht gefällt. So eine Erwartung läuft aber meinst ins Leere. Mitnichten ist das Gegenüber bereit, gute Miene zum bösen Spiel (aus seiner oder ihrer Sicht) zu machen.

Daher darf uns dies nicht davon abhalten uns abzugrenzen, wenn wir das wünschen. Wir müssen lernen, es auszuhalten, dass unser Gegenüber nicht davon begeistert ist. Und wir müssen auch unser schlechtes Gewissen aushalten. Es wird mit der Übung weniger. Versprochen!

Was können wir gegen das schlechte Gewissen tun?

Und wie? Unsere Erwartung zu ändern und die Situation anders zu bewerten, kann uns dabei unterstützen. Statt also zu denken „Oh je, was habe ich nur getan? Jetzt ist sie ganz traurig darüber, dass ich NEIN gesagt habe. Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Am besten ich nehme mein NEIN wieder zurück!“ sollten wir dahin kommen zu denken: „Schade, dass mein NEIN bei ihr Traurigkeit ausgelöst hat. Für mich ist es dennoch die richtige Entscheidung. Ich habe es mir gut überlegt und ich bleibe dabei. Es ist okay, dass ich trotzdem ein schlechtes Gewissen habe. Ich weiß aber auch, dass dies bald nachlässt.“ Wenn Du so auf die Situation schaust, wirst Du mit ein wenig Übung nicht mehr auf die Zustimmung Deines Gegenübers warten. Du rechnest damit, dass Dein NEIN nicht gut ankommt und tust es trotzdem. Denke immer daran, dass Du und Deine Bedürfnisse auch wichtig sind.

Woher kommt dieses schlechte Gewissen?

Oft ist es hilfreich, sich Gedanken darüber zu machen, warum man eigentlich ein schlechtes Gewissen hat. Fühlst Du Dich schlecht, weil Du die andere Person verletzt hast? Macht es Dir zu schaffen, dass Du ihre Erwartungen nicht erfüllt hast? Oder hast Du Schuldgefühle, weil man niemandem Hilfe verweigern sollte? Oder möchtest Du nicht riskieren, vom Gegenüber nicht mehr gemocht zu werden? Wenn Du Dein Verhalten genau analysierst, verstehst Du besser, welchen Hebel Du ansetzen musst, um Dein schlechtes Gewissen in Zukunft zu vermeiden.

Wenn wir im oben genannten Beispiel bleiben, kann es im ersten Fall helfen, wenn Du Deiner Kollegin sagst, dass Du sie nicht verletzen wolltest, Mitgefühl für ihr Problem zeigst und erklärst, warum Du es nicht erledigen kannst. Vielleicht kannst Du ihr helfen, eine andere Lösung zu finden. Gibt es jemand anderes, den sie fragen könnte? Ist es möglich, im Internet eine Anleitung oder Erklärvideos zu dieser Software zu finden?

Was die Erwartungen von Anderen betrifft, so könntest Du hinterfragen, ob Du wirklich immer alle Erwartungen erfüllen solltest? Natürlich ist man selbst auch enttäuscht, wenn die eigenen Erwartungen nicht erfüllt werden. Wir kennen diese Enttäuschung also auch und können uns deswegen gut in das Gegenüber hineinversetzen. Aber: Es ist unmöglich, die Erwartungen aller Menschen in unserem Umfeld zu erfüllen, selbst, wenn wir wollten. Daher ist es wichtig, nur den Erwartungen zu entsprechen, die auch zu Deinen Bedürfnissen passen. Schließlich sind diese auch von Belang…

Natürlich ist es absolut nachvollziehbar, dass Du gern anderen Menschen hilfst. Wird dies aber zu einem Selbstläufer, ohne dass Du überprüfst, ob Du die Zeit oder die Kapazitäten dazu hast, kann sich dies schnell zu einem Helfer*innen-Syndrom auswachsen. Und eh Du Dich versiehst, landest Du in einem Burnout… Denn hilfsbedürftige Menschen gibt es viele. Auch hier gilt: Schaue genau, ob Du die Zeit und Lust hast, diese Aufgabe zu übernehmen.

Alle Menschen möchten geliebt und gemocht werden. Das ist ein menschliches Grundbedürfnis. Dennoch gilt auch hier: Es ist völlig unmöglich, von allen gemocht zu werden. Mach dir daher klar, dass ein Mensch Dich nur ausnutzt, wenn es für ihn nicht in Ordnung ist, wenn seine Bitte abgelehnt wird. Jemand, der Dich wirklich mag, akzeptiert auch Dein NEIN und mag Dich trotzdem weiterhin! Überlege Dir gut, welche Menschen Du in Deinem Leben haben möchtest.

Die folgende Checkliste kannst Du in der nächsten Situation, die auf Dich zukommt, anwenden, um Dein schlechtes Gewissen zu verändern. Es ist auch möglich, Situationen aus der Vergangenheit daraufhin anzuschauen und zu analysieren, um in Zukunft besser in solchen Situationen reagieren zu können.

Checkliste:

  • Überlege Dir in Ruhe, ob Du die Aufgabe übernehmen möchtest oder nicht.
  • Sage klar JA oder klar NEIN!
  • Falls Du ein schlechtes Gewissen bekommst:
  • Was ist der Grund für Dein Schuldgefühl?
  • Analysiere den Grund!
  • Welchen Hebel musst Du ansetzen?

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