Viele der Frauen, die zu mir kommen, beschreiben es ähnlich. Es ist kein dramatisches Gefühl. Es ist eher diese leise, anhaltende Unzufriedenheit, die sich schwer in Worte fassen lässt. Von außen betrachtet, führen sie ein gutes Leben. Die Kinder sind versorgt, der Job ist okay, der Urlaub war schön. Aber irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas fehlt, und sie wissen nicht genau, was es ist und noch weniger, wie sie es verändern sollen.

Der Sommer begünstigt diese Fragen, weil er eine Art Zwischenraum schafft. Ein paar Wochen weniger Termine, ein langsameres Tempo, längere Abende, in denen der Kopf nicht sofort von der nächsten Aufgabe aufgefüllt wird. Und in diesem Zwischenraum kommen die Gedanken hoch, für die im Alltag kein Platz ist.

Wir schreiben Halbzeit. Und ich finde, das ist ein guter Moment, um kurz anzuhalten und ehrlich hinzuschauen: Bist du gerade da, wo du sein möchtest?

Halbzeit: Ein Blick, den die meisten lieber vermeiden

Wenn ich Frauen frage, was sie sich für dieses Jahr vorgenommen hatten, höre ich meistens eine sehr klare Antwort: mehr Zeit für sich selbst, weniger Funktionieren und mehr Leben, endlich das anfangen, was schon zu lange wartet. Und dann kommt fast immer das gleiche Aber:

  • Aber der Alltag war anders.
  • Aber es hat sich irgendwie nicht ergeben.
  • Aber nächstes Jahr wird das besser.

Der Alltag ist meistens überfüllt. Er holt uns ab, bevor wir überhaupt bemerkt haben, dass wir uns wieder selbst nach hinten schieben. Und das Tückische daran ist, dass es sich selten nach einer bewussten Entscheidung anfühlt. Es passiert einfach. Der Tag geht los, die To-do-Liste ist lang, irgendjemand braucht gerade dringend etwas, und der Moment, in dem du dir Zeit für dich nehmen wolltest, ist vorbei, bevor er begonnen hat.

Die zweite Jahreshälfte liegt noch vor dir, und ich glaube, es lohnt sich, sie nicht einfach so weiterlaufen zu lassen wie die erste. Es ist eine Gelegenheit, kurz anzuhalten und zu schauen: Was will ich eigentlich wirklich, und was brauche ich konkret dafür, damit es diesmal anders wird?

Die Antwort auf diese Frage überrascht viele Frauen, weil sie so unspektakulär klingt. Es ist keine große Entscheidung, die das verändert. Es sind die kleinen Dinge, die täglich passieren, oder eben nicht passieren.

Ich lebe in meiner zweiten Lebenshälfte, und ich kann dir sagen, dass ich selbst lange gebraucht habe, um das wirklich zu begreifen. Auch ich war davon überzeugt, dass die richtige Wende eines Tages von außen kommen würde, in Form einer Erkenntnis, einer Chance, einer Veränderung der Umstände. Was mich wirklich verändert hat, waren keine großen Momente. Es waren die kleinen täglichen Entscheidungen, für mich da zu sein. Zuerst fünf Minuten, dann zehn, dann eine alltägliche Praxis, die einfach dazugehört wie das Zähneputzen.

Was wir tun, wenn wir unzufrieden mit unserem Leben sind

Die erste Reaktion auf dieses Gefühl ist häufig das Warten. Wir sagen uns, wenn die Kinder erst aus dem Haus sind, wenn dieser stressige Sommer vorbei ist, wenn das neue Jahr beginnt. Und während wir warten, läuft das Leben weiter in den gleichen Bahnen.

Die zweithäufigste Reaktion ist der Wunsch nach einer großen Veränderung. Den Job kündigen, umziehen, alles auf den Kopf stellen. Ich verstehe das sehr gut, weil große Entscheidungen das Versprechen eines sauberen Schnitts mitbringen, eines klaren Vorher und Nachher. Das alte Leben und das neue.

Wichtig ist es, sich überhaupt auf den Weg zu machen…!

Manchmal sind große Entscheidungen genau das Richtige, und daran zweifle ich nicht. Bei mir war es mit meiner Auswanderung nach Indien tatsächlich so. Aber sie scheitern sehr viel häufiger als wir erwarten, und das hat einen Grund, der weniger mit unserer Persönlichkeit oder unserem Willen zu tun hat als mit dem, was in unserem Gehirn und Nervensystem passiert, wenn wir unter Druck stehen und in der Unzufriedenheit feststecken.

Was im Gehirn passiert, wenn wir große Entscheidungen treffen wollen

Wenn du dauerhaft unzufrieden bist, befindet sich dein Nervensystem in einem Zustand chronischer Anspannung. Dein Körper produziert mehr Cortisol, dein sympathisches Nervensystem ist zu häufig aktiv, und das hat direkte Auswirkungen auf deine Fähigkeit, gute Entscheidungen zu treffen. Der präfrontale Kortex, also der Teil deines Gehirns, der für langfristiges Denken, Impulskontrolle und durchdachte Entscheidungen zuständig ist, arbeitet unter Stress deutlich schlechter. Er braucht Ressourcen, die gerade woanders verbraucht werden, nämlich da, wo dein Körper das vermeintliche Problem managt.

Das bedeutet: Wir treffen unsere größten Lebensentscheidungen oft genau in dem Zustand, in dem unsere Entscheidungsfähigkeit am stärksten eingeschränkt ist.

Hinzu kommt, was Forschende als Entscheidungserschöpfung bezeichnen. Wer tagsüber viele Entscheidungen trifft, ob im Job oder im Familienalltag, hat am Abend buchstäblich weniger Kapazität dafür, weil das Gehirn dann auf Automatismen zurückgreift und aufwendige Abwägungen meidet. Gute, langfristige Lebensentscheidungen brauchen aber genau das: innere Ruhe, Klarheit und ausreichend kognitive Ressourcen.

Dazu kommt ein weiterer Fallstrick, den ich für besonders wichtig halte. Große Entscheidungen brauchen eine tägliche Basis, auf der sie auch wirklich umgesetzt werden können. Wer beschließt, sein Leben grundlegend zu verändern, ohne dafür eine neue tägliche Struktur aufzubauen, verlässt sich ausschließlich auf Willenskraft. Und Willenskraft ist eine erschöpfliche Ressource, die morgens am stärksten ist und nachgibt, sobald du müde, gestresst oder emotional belastet bist, also genau dann, wenn du sie am dringendsten brauchst.

Die Veränderung, die du dir wünschst, ist dann von einem inneren Zustand abhängig, der nicht zuverlässig zur Verfügung steht. Und so entsteht das Gefühl, sich immer wieder neu etwas vorzunehmen und immer wieder daran zu scheitern, was mit der Zeit dazu führt, dass Frauen aufhören zu glauben, dass für sie überhaupt etwas möglich ist. Dabei geht es nicht um ein Charakter- oder Willensproblem. Voraussetzung für Veränderungen ist vielmehr, dass sich dein Nervensystem sicher fühlt.

Was kleine Rituale mit deinem Nervensystem machen

Was kleine, täglich wiederholte Rituale von großen Entscheidungen grundlegend unterscheidet, ist, dass du dafür kein bereits reguliertes Nervensystem mitbringen musst, weil die Rituale genau das über die Zeit erst entstehen lassen.

Wenn du anfängst, dir jeden Morgen zehn Minuten zu nehmen, bevor der Tag losgeht, und in dieser Zeit einfach nur da bist, ohne Handy, ohne Plan, ohne Erwartung, dann aktivierst du durch diese bewusste Pause dein parasympathisches Nervensystem, also den Teil, der für Ruhe, Regeneration und Verarbeitung zuständig ist. Dein Cortisolspiegel sinkt und dein Herzschlag verlangsamt sich. Dein präfrontaler Kortex kommt in einen Zustand, in dem er wieder besser funktionieren kann. Aus diesem Zustand heraus triffst du ganz andere Entscheidungen als aus dem Dauerstress heraus, und du nimmst Dinge wahr, die dir im Stress schlicht nicht zugänglich sind.

Das Zweite, was täglich wiederholte Rituale tun: Sie bauen neue neuronale Verbindungen auf. Unser Gehirn ist neuroplastisch, es verändert sich durch Erfahrungen und Wiederholungen ein Leben lang. Jedes Mal, wenn du eine Gewohnheit ausführst, werden die Nervenbahnen, die diese Gewohnheit unterstützen, ein bisschen stärker. Nach einigen Wochen läuft das Ritual nicht mehr gegen deine bestehenden Gewohnheiten an, es wird selbst zur Gewohnheit. Und Gewohnheiten brauchen kaum Willenskraft, weil sie zu einem großen Teil automatisch ablaufen, ohne dass du dich jeden Morgen neu entscheiden musst, ob du das jetzt wirklich willst.

Das ist der neurobiologische Kern der ganzen Geschichte: Große Entscheidungen verbrauchen Willenskraft. Kleine Rituale ersetzen sie über die Zeit durch Automatismen, die keine Willenskraft mehr brauchen.

Die kleinen täglichen Gewohnheiten führen zu großen Veränderungen.

Ich begleite eine Frau, die vor einigen Monaten damit angefangen hat, sich jeden Morgen zehn Minuten vor dem Aufstehen zu nehmen, ohne Handy, ohne Plan. Einfach ankommen im Tag. Nach drei Wochen beschrieb sie das als den einzigen ruhigen Moment des Tages. Zwei Monate später sagte sie, sie erkenne sich selbst wieder. Ihr äußeres Leben hatte sich nicht verändert, aber die Art und Weise, wie sie es wahrnimmt und wie sie mit sich selbst umgeht, hatte sich verschoben. Und aus dieser veränderten Wahrnehmung heraus trifft sie inzwischen andere Entscheidungen.

Eine andere Frau schreibt seit einigen Monaten jeden Abend drei Sätze auf:

  • Was war gut heute?
  • Was hat mich belastet?
  • Was will ich morgen anders machen?

Nach wenigen Wochen merkte sie, dass sie aufgehört hatte, den Tag einfach zu überstehen. Sie fing an, ihn zu gestalten, weil sie täglich kurz innehielt und schaute, was gerade wirklich in ihrem Leben passierte.

Diese Selbstbeobachtung ist an sich schon eine Form der Nervensystemregulation, weil sie dem Gehirn signalisiert, dass du präsent bist und hinschaust, was wiederum den Übergang vom Reaktionsmodus in den Gestaltungsmodus einleitet. Der Unterschied zwischen diesen beiden Zuständen ist erheblich, weil im Reaktionsmodus Dinge einfach passieren und du mitläufst, während du im Gestaltungsmodus aktiv entscheidest, was als Nächstes kommt.

Wenn du gerade unzufrieden mit deinem Leben bist, liegt die Lösung selten in einer einzigen großen Entscheidung. Sie liegt im Aufbau einer täglichen Praxis, die dein Nervensystem reguliert, neue neuronale Verbindungen aufbaut und dir täglich einen Moment gibt, in dem du bei dir sein kannst. Aus diesem Zustand heraus werden gute Entscheidungen möglich, auch die großen.

Die Lücke zwischen Wissen und Tun

Ich vermute, du weißt das im Grunde schon. Dass kleine Schritte mehr bringen als große Vorsätze, dass Kontinuität wichtiger ist als Intensität, dass der Alltag darüber entscheidet, wer du wirst. Und trotzdem entsteht immer wieder diese Lücke zwischen dem Wissen und dem, was du dann wirklich tust.

Diese Lücke kommt, wie ich inzwischen sehr überzeugt bin, nicht von mangelnder Motivation oder Disziplin, auch wenn uns das sehr gerne so erklärt wird. Sie entsteht durch fehlende Struktur. Der Alltag ist so hektisch, dass er uns überrollt, bevor wir den Tag richtig begonnen haben. Die eigenen Bedürfnisse rutschen wieder nach hinten, weil gerade irgendjemand oder irgendetwas wichtiger zu sein scheint.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Es gibt Phasen, in denen ich genau weiß, was mir guttäte, und es dann trotzdem nicht tue, weil der Tag anders verlief als erwartet. Was mir dabei hilft, und was ich immer wieder bei den Frauen beobachte, mit denen ich arbeite, ist ein konkreter, täglicher Ankerpunkt: Ein Impuls, eine kleine Aufgabe, eine Frage, die täglich daran erinnert, kurz innezuhalten. Dies bietet einen Rahmen, der dich täglich ein kleines Stück weiter zu dir selbst bringt, ohne dass du jeden Morgen neu gegen deinen Alltag ankämpfen musst.

Der August als dein Startpunkt: Der Sommer-Kalender

Für diesen August habe ich einen 20-Tage-Kalender entwickelt, weil ich glaube, dass der August ein besonders guter Moment dafür ist. Er ist der letzte Sommermonat, noch mit dem Rhythmus des Sommers, aber mit dem Gefühl, dass der Herbst kommt. Eine Zwischenzeit, in der du anfangen kannst, bevor das volle Tempo wieder einsetzt.

Jeden Tag öffnet sich eine neue Tür: ein Impuls, eine kleine Aufgabe, eine Reflexionsfrage. Es geht hier nicht um die große Transformation. Der Kalender ist auch kein Programm, der dein Leben auf den Kopf stellt.

Vielmehr helfen dir diese zwanzig Tage eine Routine zu formen, indem du dir täglich ein paar Minuten für dich Zeit nimmst. Diese Routine kann weit über den August hinausgehen, wenn du dranbleibst, weil dein Nervensystem bis dahin bereits angefangen hat, sich daran zu gewöhnen.

Manche Türen werden dich vielleicht überraschen. Manche werden dich an etwas erinnern, das du schon lange weißt, aber immer wieder vergisst. Hinter einigen Türen wirst du Momente der Stille finden, in denen du wieder etwas klarer siehst, was du eigentlich willst und wie du glücklicher leben könntest.

Der erste August ist dein Startpunkt. Wenn du dir bis dahin eine einzige Frage stellen magst, dann diese: Was würde sich in meinem Alltag verändern, wenn ich mir jeden Tag zehn Minuten nähme, die wirklich mir gehören? Diese Frage kannst du einfach mal sacken lassen. Die Antwort kommt von selbst, meistens schneller als du denkst.

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