Kommt Burnout nur von zu viel Stress?

Kommt Burnout nur durch zu viel Stress?

Burnout ist inzwischen zu einem Problem von großer gesellschaftlicher Tragweite geworden.

Eine Burnout-Diagnose ist für jede Einzelne mit großem persönlichen Leid verbunden.

Während Burnout lange Zeit nicht als wirkliche Erkrankung ernstgenommen und oft auch bagatellisiert wurde, findet langsam ein Umdenken statt.

In der letzten Überarbeitung der ICD 11 (Internationale Klassifikation von Krankheiten) der WHO wird Burnout nun als eigenständige Diagnose erstmals anerkannt.

Burnout als Chance


Burnout ist längst nicht mehr nur ein Problem der helfenden Berufe, wie anfangs angenommen.

Die Betroffenen werden immer jünger.

Manche schaffen den Weg zurück ins Berufsleben nicht mehr.

Aber auch Probleme in der Partnerschaft oder die Pflege eines Angehörigen können in ein Burnout führen.

Ohne die persönlichen Ursachen für das Burnout zu erkennen und zu verändern, ist es nicht möglich, dort wieder hinauszukommen.

Die gute Nachricht: Wenn man Burnout als eine Chance begreifen kann, kann man die Krise dazu nutzen, sein Leben zu verändern und mehr die eigene Vision zu leben.

Burnout ist ein Hinweis darauf, dass wir ein Leben leben, das uns nicht wirklich entspricht.


Stress: DER Auslöser für ein Burnout?


Die meisten Menschen gehen davon aus, dass Burnout durch zu viel Stress ausgelöst wird.

Doch was heißt Stress eigentlich?

Alle reden über Stress, aber wenn man genauer nachfragt, versteht jede etwas anderes darunter.

Das Lexikon der Psychologie von Dorsch definiert Stress folgendermaßen:

„Im allgemeinen Sprachgebrauch bedeutet Stress eine subjektiv unangenehm empfundene Situation, von der eine Person negativ beeinflusst wird (Distress), im Gegensatz zum anregenden positiven Stress (Eustress).“

(Quelle: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/stress)

Wichtig erscheint mir hier der Punkt des subjektiven Empfindens.

D.h., dass ich selbst die Situation bewerte und sie selbst als stressig einschätze.

Und genau das ist auch ein wichtiger Ansatzpunkt.

Denn je mehr wir uns ausgeliefert fühlen, desto stärker ist auch das Stressgefühl.

D.h. wir entscheiden uns auch, wovon wir uns stressen lassen und wovon nicht.

Somit setzt uns nicht die Situation an sich unter Stress, sondern wie wir diese bewerten.

Diese Bewertung löst das Gefühl von Hilflosigkeit aus.

Wir denken, wir haben nicht genügend Ressourcen in uns, um die Situation zu bewältigen.

Wir haben dann das Gefühl, der Situation nicht gewachsen zu sein. Die Folge: Stress!


Welche Frage sollten wir stellen?


Während Überforderung und Stress als Ursachen für ein Burnout deklariert werden, scheint sich niemand die Frage zu stellen, warum jemand so sehr über Jahre hinweg über die eigenen Grenzen gegangen ist.

Doch dies ist eigentlich die Frage, die uns wirklich weiterbringt.

Tatsächlich ist es nicht möglich, sich von einem Burnout durch reine Willenskraft und die richtigen Entspannungstechniken zu befreien.

Denn Burnout hat nichts mit einem schwachen Willen zu tun!

Burnout ist auch nicht allein dadurch heilbar, indem wir uns nur genügend anstrengen.

Ganz im Gegenteil. Häufig wissen Burnoutbetroffene sehr gut, was sie tun müssten, um aus dem Burnout herauszukommen.

Dennoch scheint es unmöglich zu sein, dieses Wissen umzusetzen.

Woran liegt das?

Möglicherweise liegt es daran, dass es sich um ein rein theoretisches Wissen handelt, das nicht mit Emotionen verknüpft ist.


Was ist denn dann die Ursache von Burnout?


Die Ärztin Mirriam Prieß sieht die Ursache von Burnout vielmehr in als negativ empfundenen und belastenden Beziehungen im sozialen Umfeld oder auch im Fehlen stärkender Beziehungen.

Sie betont allerdings auch, dass es besonders die mangelnde Beziehung zu sich selbst ist, die zu einem Burnout führt.

Betroffenen fällt es schwer sich selbst wahrzunehmen.

Ihnen fehlt häufig der Zugang zu eigenen Bedürfnissen, aber auch zu eigenen Grenzen.

Häufig ist das Bewusstsein eigener Kompetenzen und Stärken wenig ausgeprägt.

Dafür ist das Gefühl, nicht gut genug zu sein vorherrschend.

So wird Bestätigung mehr im Außen gesucht, um das Loch im Selbstwertgefühl zu stopfen.

Übermäßiges Leistungsdenken dient der Selbstbestätigung.


„Leben ist gelingende Beziehung!“


Dieses Zitat von Mirriam Prieß macht deutlich, dass Leben gelingt, wenn Beziehung gelingt.

Doch Burnoutbetroffene haben sehr häufig konfliktreiche belastende Beziehung in Ihrem Umfeld.

Sei es in der Familie, in der Partnerschaft oder im beruflichen Alltag.

Oder Beziehungen werden als oberflächlich empfunden und haben keinen nährenden Charakter.

Möglicherweise wissen Betroffene auch nicht, wie ein guter Kontakt zu sich selbst aussehen kann.

Eine gute Beziehung erkennt man an dem Dialog auf Augenhöhe mit Wertschätzung, Offenheit und Empathie.

Für einen Dialog braucht es Kommunikationsfähigkeit.

Dialog setzt auch das Interesse für mein Gegenüber und eine gewisse Beziehungsfähigkeit voraus.

Am Beginn des sehr individuellen Weges in ein Burnout steht in der Regel ein erlebter Konflikt – mit anderen oder aber mit sich selbst.

Ein Konflikt als Startpunkt

Nehmen wir mal folgendes Beispiel:

Lisa arbeitet in einer Beratungsstelle für Menschen, die Schulden haben.

Ihre Chefin erwartet von ihr, dass sie in ihrer Teilzeitstelle von 30 Wochenstunden 15 Klient:innen berät.

Zudem gibt es noch Teamsitzungen und Dokumentationspflichten.

Außerdem ist es mit der Beratung an sich noch nicht getan, denn für die Klient:innen müssen ja auch noch Briefe geschrieben und andere Arbeiten erledigt werden.

Eigentlich ist völlig klar, dass jede Einzelne nicht ausreichend begleitet werden kann, sondern letztendlich mehr schlecht als recht nur durchgeschleust wird.

Lisa hat bereits mehrere Male versucht, mit ihrer Chefin darüber zu reden, dass dies ein sehr hoher Arbeitsdruck ist und sie jeder zu Beratenden nicht gerecht werden kann.

Doch ihre Chefin ist nicht bereit, nach Lösungen für diese belastende Situation zu suchen, sondern besteht weiterhin auf der Erfüllung der Klient:innen-Quote.

Lisa zieht sich daraufhin resigniert zurück, ohne das zu bemerken.

Sie reagiert immer mehr mit psychosomatischen Symptomen auf die stressige Arbeitssituation, aber auch auf das Gefühl der Ohnmacht, da sie nichts an diesen Arbeitsstrukturen verändern kann.

Es fällt ihr immer schwerer, ihre Klient:innen empathisch zu unterstützen, da sie sich immer erschöpfter fühlt.

Ihr Anspruch ist es aber Ihre Arbeit gut zu machen und sie war bisher überengagiert bei der Sache bzw. bei ihren Klient:innen.

Die Erschöpfungsphase ist dadurch gekennzeichnet, dass die Belastung als dauerhaft und unausweichlich erlebt wird.

Schließlich bricht sie unter der Arbeitsbelastung, aber auch dem Gefühl der Ausweglosigkeit zusammen.

Wäre ihre Chefin für einen Dialog offen gewesen, hätte dieser Burnout sicher vermieden werden können.

Gerade wenn wir unsere Arbeitsbedingungen nicht selber gestalten können, sind solche Verläufe vorprogrammiert.

Doch auch, wenn wir den Luxus haben, selber entscheiden zu können, wie wir unseren Arbeitsalltag organisieren, passiert es ganz schnell, dass wir unsere Bedürfnisse „überhören“, weil wir nicht im Kontakt mit uns selbst sind.

Im Dialog mit sich selbst zu sein, bedeutet aber genau das: eigene Bedürfnisse, aber auch eigene Grenzen gut wahrnehmen zu können.

Und natürlich geht es auch darum, die Befriedigung unserer Bedürfnisse auch umzusetzen.

Je mehr uns das gelingt, desto weniger laufen wir Gefahr, in ein Burnout zu schlittern.


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