Tag 7 – Die Muster deiner Mutter

 

Es gibt Dinge, die du von deiner Mutter geerbt hast, die sichtbar sind. Die Farbe deiner Augen vielleicht, die Art, wie du lachst, eine Geste, die dir selbst erst auffällt, wenn jemand anderes sie bemerkt. Aber es gibt auch Dinge, die unsichtbar weitergegeben werden, und die sind oft die wirkungsvolleren.

Die Epigenetik, eine der faszinierendsten Forschungsrichtungen der modernen Biologie, zeigt uns, dass Erfahrungen Spuren hinterlassen, die tiefer gehen als die bloße Erinnerung. Wenn deine Mutter oder deine Großmutter anhaltenden Stress erlebt hat, Verlust, Armut, Krieg, emotionale Entbehrung, Erschöpfung durch zu viele Rollen und zu wenig Unterstützung, dann hat das ihre Genexpression verändert. Und diese Veränderungen können weitergegeben werden, als eine Art biologische Erinnerung, die der Körper trägt, ohne dass der Verstand davon weiß.

Das erklärt manchmal, warum wir auf bestimmte Situationen so reagieren, wie wir reagieren, obwohl wir es eigentlich gar nicht wollen. Warum eine Erschöpfung sich anfühlt, als wäre sie größer als das eigene Leben. Warum bestimmte Ängste keine rationale Grundlage zu haben scheinen und sich trotzdem so real anfühlen. Warum das Muster, die eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, so tief sitzt, dass es sich manchmal wie ein Teil der eigenen Persönlichkeit anfühlt, obwohl es eigentlich eine erlernte, weitergegebene Überlebensstrategie ist.

Was mich an der Epigenetik so bewegt, ist ihre heilsame Botschaft: Diese Muster sind veränderbar. Die Wissenschaft zeigt uns, dass Erfahrungen von Sicherheit, Verbundenheit, Selbstfürsorge und emotionaler Heilung die Genexpression ebenfalls beeinflussen, in die andere Richtung. Das bedeutet: Du kannst die erste Frau in deiner Linie sein, die einen anderen Weg geht. Die ein Muster nicht weitergibt, sondern auflöst. Die ihren Töchtern, ihren Nichten, den jungen Frauen in ihrem Leben etwas mitgibt, das leichter ist als das, was sie selbst geerbt hat.

Das ist keine kleine Sache. Das ist vielleicht eine der bedeutsamsten Aufgaben, die diese Lebensphase mit sich bringt.

 

Deine Einladung für heute

Diese Einladung hat zwei Teile, die du nacheinander machen darfst, mit einer kurzen Pause dazwischen.

Im ersten Teil nimmst du dein Journal und schreibst zu drei Fragen, ohne lange nachzudenken. Welche Muster erkennst du bei deiner Mutter oder Großmutter, die du auch in dir selbst wiederfindest? Das können Verhaltensweisen sein, emotionale Reaktionen, Glaubenssätze, körperliche Symptome oder die Art, wie mit bestimmten Dingen umgegangen wurde. Dann: Welche dieser Muster möchtest du bewusst weitertragen, weil sie dir etwas Gutes geben? Und welche dürfen mit dir enden, weil du weißt, dass sie nicht mehr zu dem Leben passen, das du leben möchtest?

Nach einer kurzen Pause kommt der zweite Teil. Er ist eine Imaginationsübung, die aus der systemischen Aufstellungsarbeit stammt und die ich sehr schätze, weil sie etwas berührt, das Worte allein oft nicht erreichen.

Setze dich aufrecht hin, schließe die Augen und lass deinen Atem sich setzen. Dann stelle dir vor, hinter dir stehen die Frauen deiner Linie. Deine Mutter. Ihre Mutter. Und die Mütter davor, so weit zurück, wie du spüren kannst. Sie stehen nicht als Last hinter dir, sondern als Quelle. Als Frauen, die trotz allem überlebt haben, geliebt haben, weitergemacht haben. Die dir das Leben ermöglicht haben, das du jetzt lebst.

Spüre ihre Anwesenheit in deinem Rücken. Lass sie dich stützen, so wie ein Stamm seine Äste stützt. Und dann frage dich innerlich: Was möchten sie mir mitgeben? Was haben sie sich für mich gewünscht, auch wenn sie es nie in Worte fassen konnten?

Bleibe so lange in diesem Bild, wie es sich stimmig anfühlt. Und wenn du die Augen wieder öffnest, schreibe einen einzigen Satz auf, der dir aus dieser Stille gekommen ist.

 

Dein Satz für heute

Ich trage die Kraft meiner Ahninnen in mir. Und ich darf wählen, was ich weitergebe.