Tag 4 – Was du gerade brauchst

 

Es gibt etwas in dir, das heute deine Aufmerksamkeit möchte. Vielleicht ist es etwas Körperliches, ein Ziehen, eine Schwere, eine Anspannung, die immer wieder auftaucht. Vielleicht ist es etwas Emotionales, eine stille Unruhe, eine Traurigkeit, die sich nicht so leicht benennen lässt. Was immer es ist, es ist nicht zufällig da. Und heute laden wir es ein, ein bisschen lauter zu sprechen.

Wir sind es gewohnt, Symptome zum Schweigen zu bringen. Eine Tablette hier, eine Ablenkung dort, ein inneres „das geht schon vorbei“, wenn etwas wehtut oder drückt. Das ist verständlich, denn vieles davon haben wir so gelernt. Durchhalten war oft die einzige Möglichkeit, die zur Verfügung stand.

Aber Symptome, ob körperlich oder seelisch, sind selten sinnlos. Sie sind eine Sprache. Und wie jede Sprache wollen sie verstanden werden.

In meiner Arbeit mit Frauen erlebe ich immer wieder, wie viel sich verändert, wenn eine Frau aufhört, gegen ihr Symptom zu kämpfen, und stattdessen in echten Kontakt mit ihm tritt. Nicht um es zu dramatisieren und nicht um darin zu versinken, sondern um zu fragen: Was brauchst du? Was möchtest du mir zeigen? Und warum bist du gerade so laut?

Diese Art zu fragen kommt aus der Arbeit mit inneren Anteilen, einem Ansatz, der davon ausgeht, dass verschiedene Teile in uns miteinander kommunizieren, oft auf Wegen, die wir nicht sofort als Kommunikation erkennen. Ein verspannter Nacken, der sagt: Ich habe gerade zu viel. Eine tiefe Erschöpfung, die sagt: Ich brauche endlich Erlaubnis, loszulassen. Eine Angst, die sagt: Ich bin schon so lange allein damit.

Wenn du einem Symptom wirklich begegnest, also dich ihm zuwendest statt drüberzugehen, passiert oft etwas Überraschendes: Es wird leiser. Nicht weil es verschwunden ist, sondern weil es gehört wurde.

 

Deine Einladung für heute

Für diese Übung brauchst du zwei Kissen und einen ruhigen Moment von etwa fünfzehn Minuten.

Lege die beiden Kissen einander gegenüber auf den Boden oder auf dein Sofa. Das eine Kissen ist dein Platz, das andere gehört dem Symptom, das dich gerade am meisten beschäftigt. Es darf körperlich sein, es darf emotional sein, es darf auch einfach ein Gefühl sein, das du noch nicht benennen kannst.

Setze dich auf dein Kissen und nimm einen Moment, um anzukommen. Dann schaust du auf das leere Kissen gegenüber und sprichst dein Symptom direkt an. Sage ihm, wie es ist, es bei dir zu haben. Was es mit dir macht. Was du dir wünschst. Lass es ruhig laut sein, auch wenn es sich komisch anfühlt.

Dann stehst du auf, wechselst die Seite und setzt dich auf das andere Kissen. Jetzt bist du das Symptom. Schließe kurz die Augen und spüre hinein: Was möchte dieses Symptom der Frau auf dem anderen Kissen sagen? Was braucht es? Warum ist es da? Lass die Worte kommen, ohne sie zu zensieren.

Wechsle so oft, wie es sich stimmig anfühlt. Du wirst vielleicht überrascht sein, was sich zeigt, wenn du anfängst zu fragen.

Schreibe danach auf, was das Symptom dir gesagt hat. Und schreibe darunter: Was könnte ich mir heute geben, was dieses Symptom braucht?

 

Dein Satz für heute

Ich kämpfe nicht gegen mich. Ich höre mir zu.