Tag 2 – Die unsichtbare Schwelle

 

Es gibt Momente im Leben, in denen man weiß: Hier endet etwas. Noch nicht genau, was. Und noch nicht, was danach kommt. Man steht irgendwie zwischen zwei Welten, gehört zur alten nicht mehr ganz dazu und zur neuen noch nicht richtig.

Vielleicht kennst du dieses Gefühl gerade. Nicht als Drama, nicht als Krise. Einfach als eine innere Ahnung, dass du dich inmitten eines Übergangs befindest. Und dass dieser Übergang mehr von dir verlangt als nur Geduld.

In vielen Kulturen gab es früher Rituale für solche Schwellen. Für den Wechsel von einem Lebensabschnitt in den nächsten. Die Gemeinschaft trat zusammen, würdigte das, was war, und begrüßte das, was kommen sollte. Die Frau, die eine Lebensschwelle überschritt, wurde begleitet. Gesehen. Gehört.

In unserer Welt fehlen diese Rituale weitgehend. Die Wechseljahre passieren meistens still, zwischen Terminen, Verpflichtungen, Erschöpfung. Wenn überhaupt jemand fragt, dann der Arzt, der einen Hormonspiegel bestimmt. Aber kaum jemand fragt: Wie geht es dir mit diesem Übergang? Was lässt du gerade los? Und was entsteht in dir neu?

Das Wort Schwelle beschreibt etwas sehr Genaues. Eine Schwelle ist nicht der alte Raum und auch nicht der neue. Sie ist der Ort dazwischen. Anthropologen nennen diesen Zwischenraum die liminale Phase, von lateinisch limen, die Schwelle. Es ist der Ort, an dem das Alte nicht mehr trägt und das Neue noch keine festen Konturen hat. Orientierungslosigkeit gehört dazu. Manchmal auch Trauer. Und oft ein Gefühl, das sich schwer benennen lässt.

Was ich in meiner Arbeit mit Frauen immer wieder erlebe: Viele leiden nicht so sehr unter den körperlichen Symptomen, so herausfordernd die auch sein können. Was ihnen am meisten zu schaffen macht, ist das Gefühl, sich selbst nicht mehr ganz zu erkennen. Wer bin ich, wenn ich nicht mehr die bin, die ich zwanzig Jahre lang war? Was bleibt von mir, wenn die Rollen wegfallen, die ich so lang ausgefüllt habe? Was darf ich wollen, wenn die Kinder aus dem Haus sind, der Beruf sich verändert, der Körper neue Grenzen zeigt?

Diese Fragen sind keine Anzeichen für eine Krise. Sie sind das Zeichen, dass du wirklich angekommen bist an dieser Schwelle. Dass du sie nicht einfach übergangen hast. Und das, glaube ich, ist etwas, das Würde verdient.

Ein Übergang mit Würde heißt nicht, dass er leicht sein muss. Er heißt, dass du ihn nicht verleugnen musst. Dass du dir erlaubst zu spüren, was ist. Dass du dem Dazwischen seinen Raum gibst, ohne sofort nach einem Ausweg zu suchen. Manchmal ist der wertvollste Schritt der, den man innehalten nennt.

Und gleichzeitig darfst du wissen: Schwellen haben immer eine andere Seite. Wer hindurchgeht, kommt nicht als Überlebende heraus, sondern als jemand, der etwas gelernt hat, das man nicht aus Büchern lernen kann. Die Fähigkeit, sich zu verwandeln. Das ist keine Kleinigkeit.

 

Deine Einladung für heute

Suche dir heute einen ruhigen Moment, wenn möglich im Freien oder an einem Ort, an dem du dich sicher und wohl fühlst. Zehn bis fünfzehn Minuten reichen.

Nimm ein Blatt Papier oder dein Journal und schreibe oben: Was ich gerade loslasse. Darunter schreibst du alles, was dir einfällt. Rollen, Gewohnheiten, Erwartungen an dich selbst, Bilder davon, wie du zu sein hattest. Es muss nicht vollständig sein. Es darf auch roh und unfertig sein.

Dann nimmst du ein neues Blatt und schreibst oben: Was in mir leise entsteht. Auch hier schreibst du, was kommt. Vielleicht ist es noch sehr klein. Vielleicht nur ein Wort, ein Bild, eine Sehnsucht, die du bisher kaum ausgesprochen hast. Das genügt.

Lege beide Blätter nebeneinander. Und schau sie einfach an. Du musst nichts entscheiden. Du darfst nur erkennen, auf welcher Schwelle du gerade stehst.

 

Dein Satz für heute

Ich stehe zwischen zwei Welten. Und ich vertraue darauf, dass mich dieser Übergang trägt.