
Tag 15 – Die Vergebung, die du dir selbst schenkst
Die Frau auf diesem Bild sitzt in einer Stille, die man fast spüren kann. Die Hände nach oben gerichtet, der Rücken aufrecht, der ganze Körper in einer Haltung, die nach innen weist. Es ist die Körperhaltung von jemandem, der aufgehört hat zu suchen und angefangen hat zu empfangen.
Selbstvergebung ist für viele Frauen das Schwerste überhaupt. Anderen vergeben wir oft mit einer Großzügigkeit, die wir uns selbst gegenüber kaum aufbringen können. Wir vergeben der Mutter, die nicht immer da war. Wir vergeben dem Partner, der uns enttäuscht hat. Wir vergeben Freundinnen, Kolleginnen, Menschen, die uns verletzt haben. Aber uns selbst? Da sind wir oft die strengsten Richter, die wir kennen.
Das hat einen Grund, der tief in den Mustern liegt, die wir in den letzten Tagen angeschaut haben. Wer gelernt hat, dass er erst gut genug sein muss, um geliebt zu werden, wird sich selbst gegenüber keine Milde kennen, solange er glaubt, nicht gut genug gewesen zu sein. Wer jahrzehntelang funktioniert hat, trägt oft eine stille Liste mit sich, all die Momente, in denen er zu wenig war, zu laut, zu leise, zu schwach, zu viel. Diese Liste ist schwer. Und sie wird mit der Zeit nicht leichter, wenn man sie nicht bewusst ablegt.
Selbstvergebung bedeutet nicht, dass das, was war, in Ordnung war. Sie bedeutet, aufzuhören, dich selbst immer wieder für etwas zu bestrafen, das bereits vergangen ist. Es bedeutet, dir dieselbe Menschlichkeit zuzugestehen, die du anderen so selbstverständlich schenkst.
Aus Hawaii stammt ein altes Ritual namens Ho’oponopono, das auf Jahrtausende zurückgeht und ursprünglich der Wiederherstellung von Frieden und Harmonie in Gemeinschaften diente. In seiner einfachsten Form besteht es aus vier Sätzen, die man sich selbst oder einer Situation gegenüber spricht:
Es tut mir leid. Bitte vergib mir. Ich liebe dich. Danke.
Diese vier Sätze klingen schlicht, aber ihre Wirkung ist tiefgreifend. Sie sprechen gleichzeitig Verantwortung, Mitgefühl, Liebe und Dankbarkeit aus, all jene Qualitäten, die Heilung braucht. Und wenn du sie dir selbst gegenüber sprichst, mit echter Absicht und einem offenen Herzen, können sie etwas lösen, das Worte allein oft nicht erreichen.
Deine Einladung für heute
Diese Einladung hat zwei Schritte.
Im ersten Schritt nimmst du dein Journal und schreibst auf, wofür du dir selbst vergeben möchtest. Es kann etwas Konkretes sein, eine Entscheidung, eine Situation, eine Zeit in deinem Leben. Es kann auch etwas Diffuseres sein, ein Gefühl, nicht genug gewesen zu sein. Schreibe es auf, so ehrlich wie du kannst. Und schreibe darunter einen einzigen Satz: Ich war ein Mensch, der sein Bestes gegeben hat.
Im zweiten Schritt stellst du dich aufrecht hin und nimmst die Haltung der Frau auf dem Bild ein. Hände nach oben, der ganze Körper gesammelt und offen. Und dann sprichst du innerlich, mit deiner ganzen Aufmerksamkeit bei dir selbst, die vier Sätze des Ho’oponopono. Langsam, einen nach dem anderen.
Es tut mir leid. Bitte vergib mir. Ich liebe dich. Danke.
Wiederhole sie so oft, wie es sich stimmig anfühlt. Und lass zu, was auch immer dabei auftaucht.
Dein Satz für heute
Ich vergebe mir. Ich verdiene es, frei zu sein.
