
Tag 13 – Die Umarmung, die du dir selbst schenkst
Die Frau auf diesem Bild umarmt sich selbst. Es ist eine Geste, die auf den ersten Blick vielleicht ungewohnt wirkt. Und gleichzeitig ist sie eine der kraftvollsten Dinge, die du für dein Nervensystem tun kannst. Biochemisch messbar und tief wirksam.
Wir leben in einer Zeit, in der Berührung oft zu kurz kommt. Gerade Frauen, die jahrelang für andere da waren, die gehalten, getröstet, umarmt haben, vergessen manchmal, dass auch sie selbst Berührung brauchen. Dass auch ihr Nervensystem nach Wärme sucht, nach dem Gefühl, gehalten zu werden.
Was in deinem Körper passiert, wenn du dich selbst umarmst, ist keine Kleinigkeit. Berührung, auch die eigene, löst die Ausschüttung von Oxytocin aus, jenem Hormon, das oft als Bindungshormon bezeichnet wird. Oxytocin senkt den Cortisolspiegel, also jenes Stresshormon, das wir schon an Tag 5 kennengelernt haben. Es beruhigt die Amygdala, jenen Bereich im Gehirn, der für Angst und emotionale Reaktionen zuständig ist. Es aktiviert den Vagusnerv und damit das parasympathische Nervensystem, das für Erholung und Regeneration sorgt. Und es vermittelt dem Nervensystem auf einer sehr tiefen, vorsprachlichen Ebene: Du bist nicht allein. Du bist sicher. Du wirst gehalten.
Dein Gehirn unterscheidet dabei nicht zuverlässig, ob diese Berührung von dir selbst kommt oder von jemand anderem. Was zählt, ist die Berührung selbst, die Wärme, der Druck, die Absicht dahinter. Und genau das macht die Selbstumarmung zu einem so wirkungsvollen Werkzeug, besonders in Momenten, in denen das Nervensystem aufgewühlt ist, in denen alte Gefühle hochkommen, in denen du dich verloren oder überfordert fühlst.
In der Traumatherapie gibt es eine Technik, die Butterfly Hug genannt wird und auf demselben Prinzip beruht. Du legst die Hände überkreuz auf die Brust, sodass jede Hand die gegenüberliegende Schulter berührt, und klopfst abwechselnd links und rechts sanft auf die Schultern. Diese bilaterale Stimulation, also die abwechselnde Aktivierung beider Körperhälften, beruhigt das Nervensystem auf eine Weise, die tief in die Neurobiologie eingreift. Sie wird in der Traumatherapie eingesetzt, weil sie hilft, das Gehirn aus einem Zustand der Überwältigung herauszuführen und wieder in einen Zustand der Sicherheit zu bringen.
Du trägst dieses Werkzeug immer bei dir. In jeder Situation, zu jeder Tageszeit, ohne dass jemand anderes dabei sein muss.
Deine Einladung für heute
Diese Übung kannst du im Sitzen oder im Stehen machen, drinnen oder draußen, wann immer du heute einen Moment findest.
Schließe die Augen und atme einmal tief ein und aus. Dann legst du deine Arme um dich selbst, so wie du einen lieben Menschen umarmen würdest. Lass die Umarmung wirklich ankommen. Spüre die Wärme deiner eigenen Hände, den leichten Druck auf deinen Rippen, das Gefühl, gehalten zu werden.
Bleibe einen Moment so. Und dann wechselst du in den Butterfly Hug. Lege die Hände überkreuz auf deine Brust, jede Hand auf der gegenüberliegenden Schulter. Und beginne, abwechselnd sanft zu klopfen, links, rechts, links, rechts, in einem ruhigen, gleichmäßigen Rhythmus. Lass deinen Atem dabei fließen.
Klopfe so lange, bis du spürst, wie sich etwas in dir weicher wird. Und dann halte inne, lege eine Hand auf dein Herz und sage dir innerlich: Ich bin für mich da. Immer.
Dein Satz für heute
Ich bin meine eigene sicherste Zuflucht. Und ich darf mir geben, was ich brauche.
