
Tag 11 – Die alte Rolle
Die Frau auf diesem Bild tanzt. Nicht für jemanden, nicht nach einer Choreografie, nicht um gut auszusehen. Sie bewegt sich einfach, und in dieser Bewegung liegt etwas, das sich nach Freiheit anfühlt. Vielleicht kennst du dieses Gefühl noch. Vielleicht liegt es schon eine Weile zurück.
Irgendwann im Leben übernehmen wir Rollen. Manche wählen wir bewusst, manche wachsen uns einfach zu, so leise und selbstverständlich, dass wir gar nicht merken, wann sie aufgehört haben, eine Wahl zu sein. Die Rolle der Starken, die immer einen kühlen Kopf behält. Die Rolle der Verlässlichen, auf die sich alle stützen können. Die Rolle der Pflegenden, die die Bedürfnisse anderer im Blick hat, bevor sie an die eigenen denkt. Die Rolle der Angepassten, die den Frieden wahrt, auch wenn es sie innerlich zerreißt. Und manchmal die Rolle der Mutter, die sich so sehr mit dem Wohlergehen ihrer Kinder identifiziert hat, dass sie nicht mehr weiß, wer sie ist, wenn die Kinder ihr eigenes Leben leben.
Diese Rollen waren nicht falsch. Sie hatten ihre Zeit, ihren Sinn, ihre Berechtigung. Aber Rollen sind wie Kleider: Was einmal gepasst hat, passt nicht für immer. Und in den Wechseljahren passiert etwas sehr Bedeutsames. Der Körper verändert sich so grundlegend, dass die alten Kleider anfangen zu drücken. Was früher saß, fühlt sich jetzt eng an. Und dieses Unbehagen ist kein Zeichen, dass etwas falsch läuft. Es ist ein Zeichen, dass du gewachsen bist.
Das Loslassen einer alten Rolle ist selten leicht. Es geht oft mit einer stillen Trauer einher, die kaum jemand benennt. Denn eine Rolle loszulassen bedeutet auch, einen Teil der eigenen Geschichte loszulassen. Einen Teil der Art, wie andere einen kennen. Und manchmal einen Teil der eigenen Sicherheit, weil die Rolle, so eng sie auch war, zumindest vertraut war.
Was ich dir heute mitgeben möchte: Loslassen bedeutet nicht vergessen. Es bedeutet nicht, dass das, was war, falsch war. Es bedeutet nur, dass du dir erlaubst, mehr zu sein als das, was du bisher für andere sein musstest. Und das ist keine Kleinigkeit. Das ist vielleicht einer der mutigsten Schritte, den eine Frau in dieser Lebensphase gehen kann.
Deine Einladung für heute
Diese Übung findet im Körper statt. Du brauchst dafür einen Raum, in dem du dich frei bewegen kannst, und etwa zehn bis fünfzehn Minuten ungestörte Zeit. Wenn du magst, spiele leise Musik, die sich für dich weich und offen anfühlt.
Stehe aufrecht und denke kurz an eine Rolle, die du lange ausgefüllt hast und die sich zunehmend eng anfühlt. Lass diese Rolle in deinen Körper kommen. Wie hältst du dich, wenn du in dieser Rolle bist? Vielleicht ziehen sich die Schultern nach vorne, vielleicht wird die Brust enger, vielleicht hält der Atem sich zurück. Nimm diese Körperhaltung bewusst an, nur für einen kurzen Moment.
Und dann lass sie gehen. Schüttle die Schultern aus. Strecke die Arme weit aus, so weit wie sie reichen. Atme tief in die Brust, in den Bauch. Richte dich auf, so groß wie du bist. Und dann bewege dich, ganz so, wie es sich jetzt richtig anfühlt. Kein Schritt muss schön sein, keine Bewegung muss Sinn ergeben. Dein Körper weiß, was er braucht, wenn du ihm den Raum gibst.
Bleibe so lange in dieser Bewegung, wie es sich stimmig anfühlt. Und wenn du zur Ruhe kommst, stelle dich aufrecht hin, lege eine Hand auf dein Herz und frage dich innerlich: Wer bin ich, wenn ich keine Rolle spielen muss?
Du musst die Antwort nicht kennen. Es reicht, die Frage zu stellen.
Dein Satz für heute
Ich bin mehr als die Rollen, die ich gespielt habe. Und ich darf jetzt herausfinden, wer ich wirklich bin.
