Tag 10 – Alte Verletzungen, die jetzt laut werden

 

Die Frau auf diesem Bild sitzt allein am Wasser und schaut auf den Horizont. Ich glaube, viele von uns kennen diesen Moment innerlich. Dieses Innehalten, dieses stille Schauen auf das, was hinter einem liegt, und das leise Fragen, was da eigentlich noch wartet.

In den Wechseljahren melden sich Dinge, die lange geschwiegen haben. Alte Verletzungen, die gut verpackt schienen, treten plötzlich wieder an die Oberfläche. Erinnerungen, die man für überwunden hielt, fühlen sich auf einmal wieder frisch an. Gefühle, für die früher keine Zeit und kein Raum war, pochen jetzt mit einer Beharrlichkeit, die sich kaum ignorieren lässt. Viele Frauen erschrecken darüber. Sie fragen sich, ob etwas nicht stimmt mit ihnen, ob sie rückwärts gehen, ob sie schwächer werden.

Das Gegenteil ist wahr. Und es gibt dafür eine sehr konkrete biologische Erklärung.

Östrogen und Progesteron wirken nicht nur auf den Körper, sie wirken auch tief ins Gehirn hinein. Östrogen beeinflusst unter anderem die Amygdala, jenen Bereich im Gehirn, der für die Verarbeitung von Angst und emotionalen Erinnerungen zuständig ist. Solange der Östrogenspiegel stabil war, hatte die Amygdala eine Art natürliche Dämpfung. Emotionale Wunden waren vorhanden, aber das System konnte sie in einem erträglichen Rahmen halten. Wenn der Östrogenspiegel sinkt, verliert die Amygdala diese Dämpfung. Sie wird empfindlicher, reaktiver, und das, was vorher im Hintergrund blieb, drängt nach vorne.

Hinzu kommt, dass Trauma im Körper gespeichert wird, nicht nur im Gedächtnis. Der Körper erinnert sich an Erfahrungen, die das Nervensystem überfordert haben, auch wenn der Verstand sie längst eingeordnet oder abgelegt hat. In einer Lebensphase, in der das Nervensystem ohnehin sensibler ist, können diese körperlichen Erinnerungen wieder lebendig werden. Das ist kein Rückschritt. Es ist eine Einladung zur Heilung, die der Körper ausspricht, weil er jetzt bereit ist, das anzuschauen, wozu früher die Kraft oder der Raum fehlte.

Was ich in meiner Arbeit mit Frauen erlebe: Der wichtigste erste Schritt ist nicht, in die Verletzung hineinzugehen. Der wichtigste erste Schritt ist, einen inneren Ort zu finden, von dem aus du schauen kannst, was da ist, ohne davon überwältigt zu werden. Einen Ort in dir, der sicher ist. Der immer da ist, egal was auftaucht.

Aus der Traumatherapie wissen wir, dass dieser innere sichere Ort keine Fantasie ist. Er ist eine neurobiologische Ressource. Wenn du dir einen sicheren Ort innerlich wirklich vorstellst, ihn mit allen Sinnen erlebst, aktiviert das dieselben Gehirnregionen wie eine reale Erfahrung von Sicherheit. Du gibst deinem Nervensystem damit etwas sehr Konkretes: einen Anker, zu dem es zurückfinden kann, wenn alte Verletzungen laut werden.

 

Deine Einladung für heute

Diese Übung ist eine Imaginationsreise zu deinem inneren sicheren Ort. Nimm dir etwa fünfzehn Minuten, suche dir einen ruhigen Platz und sorge dafür, dass du in dieser Zeit nicht gestört wirst.

Setze oder lege dich bequem hin und schließe die Augen. Lass deinen Atem sich von selbst setzen, ohne ihn zu steuern. Dann stelle dir einen Ort vor, den es nur in deiner Vorstellung gibt, einen Ort, den du dir jetzt gerade frei erschaffst. Er gehört ausschließlich dir. Es gibt dort keine anderen Menschen, denn selbst die Menschen, die wir lieben, bringen Erinnerungen und Gefühle mit, die diesen Raum färben könnten. Dieser Ort ist nur für dich allein, eine innere Landschaft, die du nach deinen eigenen Bedürfnissen gestaltest.

Lass diesen Ort lebendig werden. Was siehst du dort? Welche Farben, welches Licht, welche Formen? Was hörst du? Was spürst du auf deiner Haut? Atme den Geruch dieses Ortes ein. Lass ihn ganz real werden in dir.

Und dann spüre: Wie fühlt es sich in deinem Körper an, hier zu sein? Wo genau spürst du diese Sicherheit? Nimm dieses Körpergefühl bewusst wahr und präge es dir ein. Es ist dein Anker.

Bleibe so lange an diesem Ort, wie es sich stimmig anfühlt. Und wenn du die Augen wieder öffnest, weißt du: Dieser Ort gehört dir. Du kannst jederzeit dorthin zurückkehren, wenn alte Verletzungen laut werden und du einen Platz brauchst, von dem aus du schauen kannst, ohne überwältigt zu werden.

 

Dein Satz für heute

In mir gibt es einen Ort, der immer sicher ist. Von dort aus darf ich alles anschauen, in meinem eigenen Tempo.