
Tag 17 – Deine eigene Wahrheit
Schau dir die Frau auf diesem Bild an. Die Arme weit ausgebreitet, der Blick in den weiten blauen Himmel, und um sie herum fliegen Zettel in alle Richtungen. Ich sehe darin ein Bild, das mehr erzählt als tausend Worte: Sie lässt los. Alte Geschichten, fremde Erwartungen, Definitionen, die andere für sie entworfen haben. Und was bleibt, wenn all das wegfliegt, ist sie selbst.
Wir sammeln ein Leben lang Meinungen über uns. Von Eltern, die bestimmte Hoffnungen in uns gesetzt haben. Von Lehrern, die uns in Schubladen gesteckt haben. Von Partnern, Freundinnen, Gesellschaft, Kultur. Diese Sätze lagern sich ab, so leise und über so viele Jahre, dass wir irgendwann glauben, sie wären unsere eigene Stimme: „Du bist zu sensibel.“ „Du bist zu laut.“ „Du bist nicht ehrgeizig genug.“ „Du bist zu ehrgeizig.“ „Du solltest dankbar sein.“ „Du willst zu viel.“
Aber sie sind es nicht.
Deine eigene Wahrheit ist das, was übrig bleibt, wenn du all das abziehst. Sie ist nicht laut und nicht selbstbewusst formuliert, weil sie das gar nicht sein muss. Sie ist einfach da, still und beständig, wie ein Kompass, der immer nach Norden zeigt, egal wie viele fremde Hände versucht haben, ihn umzudrehen.
In den Wechseljahren passiert etwas sehr Bedeutsames mit diesem inneren Kompass. Die hormonellen Veränderungen, die das Nervensystem sensibler machen und alte Muster an die Oberfläche bringen, tun gleichzeitig etwas sehr Heilsames: Sie machen es schwerer, sich selbst zu verleugnen. Was früher heruntergeschluckt werden konnte, will jetzt gesagt werden. Was früher angepasst wurde, will jetzt seinen eigenen Raum. Die zweite Lebenshälfte hat eine Art eingebauten Wahrheitsdrang, und das ist ein Geschenk, auch wenn es sich nicht immer so anfühlt.
Deine Wahrheit zu leben bedeutet nicht, rücksichtslos zu werden oder alte Beziehungen zu sprengen. Es bedeutet, dir selbst gegenüber ehrlich zu sein. Zu wissen, was du wirklich willst, was dir wirklich wichtig ist, wie du wirklich leben möchtest. Und von dort aus zu handeln, auch wenn es unbequem ist, auch wenn es Veränderung bedeutet.
Deine Einladung für heute
Für diese Übung brauchst du kleine Zettel oder ein Blatt Papier, das du zerreißen kannst, und einen Stift.
Schreibe auf jeden Zettel einen Satz, den andere über dich gesagt oder erwartet haben, der sich nie wie deine eigene Wahrheit angefühlt hat. Lass es ruhig mehrere sein. Nimm dir Zeit, wirklich in dich hineinzuhören, welche fremden Stimmen dort noch wohnen.
Und dann zerreiße diese Zettel. Bewusst, einen nach dem anderen. Du kannst sie auch verbrennen, wenn du einen sicheren Ort dafür hast. Spüre, was diese Geste in dir auslöst.
Danach nimmst du ein frisches, leeres Blatt. Und du schreibst oben: Meine eigene Wahrheit. Dann schreibst du, was kommt. Wie du wirklich bist. Was dir wirklich wichtig ist. Wie du wirklich leben möchtest. Es darf unfertig sein, es darf sich noch tastend anfühlen. Es reicht, wenn es sich echter anfühlt als alles, was auf den zerrissenen Zetteln stand.
Dein Satz für heute
Wenn ich all die fremden Stimmen zur Seite lege, finde ich meine eigene. Und sie weiß genau, wohin es geht.
