
Tag 8 – Perfektionismus unter der Sommersonne
Schau dir die Frauen auf diesem Türchen an. Dieses Lachen, das aus dem Bauch kommt. Diese Leichtigkeit, die entsteht, wenn man einfach nur da ist, ohne Anspruch, ohne Bewertung, ohne die innere Stimme, die schon wieder eine Liste führt. Du kennst sicher Momente, in denen du so gelacht hast. Und irgendwann ist diese Leichtigkeit seltener geworden, so leise, dass man gar nicht bemerkt hat, wann genau das passiert ist.
Perfektionismus ist eine der wirkungsvollsten und gleichzeitig erschöpfendsten Strategien, die wir als Frauen entwickeln können. Er entsteht aus einer tief verwurzelten Überzeugung, die irgendwann sehr sinnvoll war: Wenn ich alles richtig mache, bin ich sicher. Wenn ich keine Fehler mache, werde ich nicht abgelehnt. Wenn ich genug leiste, bin ich es wert, gesehen zu werden.
Das Problem ist, dass Perfektionismus ein Ziel verfolgt, das es nicht gibt. Perfekt ist kein Zustand, den man erreichen und dann halten kann. Es ist ein Horizont, der sich mit jedem Schritt nach vorne verschiebt. Und wer jahrzehntelang hinter diesem Horizont herläuft, kommt irgendwann erschöpft an einem Punkt an, an dem der Körper einfach nicht mehr mitmacht. In den Wechseljahren passiert genau das sehr vielen Frauen. Der Körper, der früher die Erschöpfung wegkompensiert hat, kann es nicht mehr. Und plötzlich wird spürbar, was schon lange zu viel war.
Die 80/20-Regel, die aus der Wirtschaft stammt und besagt, dass 80 Prozent der Ergebnisse mit 20 Prozent des Aufwands entstehen, hat eine sehr heilsame Entsprechung im Alltag. 80 Prozent gut gemacht ist in den allermeisten Situationen des Lebens vollkommen ausreichend. Die letzten 20 Prozent, die den Unterschied zwischen gut und perfekt ausmachen würden, kosten unverhältnismäßig viel Energie, und sie fallen den wenigsten Menschen außer dir selbst überhaupt auf.
Was wäre, wenn du diese letzten 20 Prozent als das siehst, was sie wirklich sind: ein Preis, den du zahlst, ohne dass ihn jemand verlangt hat?
Deine Einladung für heute
Heute machen wir ein Experiment. Kein Schreiben, keine Reflexion, sondern eine gelebte Erfahrung.
Suche dir im Laufe des heutigen Tages eine konkrete kleine Situation, in der du normalerweise auf 100 Prozent bestehst. Es könnte eine E-Mail sein, die du sonst fünfmal gegenliest. Ein Raum, den du sonst makellos aufräumst. Eine Aufgabe, bei der du so lange nachbesserst, bis sie sich wirklich perfekt anfühlt. Und dann machst du sie bewusst mit 80 Prozent. Du schickst die E-Mail nach zweimaligem Lesen ab. Du räumst den Raum so auf, dass er ordentlich ist, aber nicht perfekt. Du gibst die Aufgabe ab, wenn sie gut ist, auch wenn sie noch besser sein könnte.
Und dann beobachtest du. Hat die Welt aufgehört sich zu drehen? Hat es jemand bemerkt? Und wie hat es sich in deinem Körper angefühlt, loszulassen, bevor das innere Urteil „fertig“ gesprochen hat?
Das Ergebnis dieses Experiments ist die eigentliche Übung. Das, was du dabei gespürt hast.
Dein Satz für heute
80 Prozent ist nicht weniger. Es ist genug. Und genug ist eine Form von Freiheit.
